Der Sonne entgegen!

Müssen Sie noch oder können Sie schon?

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„Kein Mensch muss müssen“ sagte Nathan der Weise im gleichnamigen Stück schon vor rund 200 Jahren. Komisch nur, dass wir Menschen heute alle ständig etwas müssen (z. B arbeiten, Geld verdienen, E-Mails schreiben, putzen …). Was macht das eigentlich mit uns?

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Psychologie heute“ ist ein sehr interessantes Interview mit der Sprachwissenschaftlerin Mechthild R. von Scheurl-Defersdorf abgedruckt.

Ihre These lautet: Unsere Wortwahl beeinflusst unser Denken.

Wer oft sagt „ich muss“ setzt sich damit selbst unter Druck und erzeugt Stress. Die Formulierungen „ich werde“ oder „ich möchte“ verdeutlichen uns dagegen, dass wir unsere Entscheidungen selbst treffen. Ich zum Beispiel muss heute gar keinen Text für dieses Blog schreiben. Ich tue es, weil ich es mir vorgenommen habe – und ich tue es gern!

Eine Aussage mit ähnlich negativer Wirkung ist: „Ich kann nicht“ (etwa eine bestimmte Aufgabe übernehmen). Wer das sagt, engt sich geistig ein. Meist stimmt die Aussage ja auch gar nicht.

Dazu ein Beispiel der Sprachwissenschaftlerin:

Statt „Ich kann Ihnen das jetzt nicht sagen“ formulierte eine ihrer Klientinnen neu: „Da fehlen mir noch die erforderlichen Informationen. Ich werde sie einholen und Sie morgen informieren.“

Das ist auch ein sehr gutes Beispiel dafür, wie man vom problemfokussierten Denken zum lösungsorientierten Denken kommt: „Ich kann nicht“ stellt ein Problem in den Mittelpunkt. „Ich brauche noch …, damit ich das kann“ konzentriert sich auf die Lösung. Damit fühlte sich die Dame selbst besser und wirkte zudem wesentlich kompetenter und zugewandter als mit der ursprünglichen Aussage.

Was mir dieses Interview nochmals verdeutlicht hat:

Unser Denken und unsere Wortwahl, ob mündlich oder schriftlich, prägen sich gegenseitig – und beides beeinflusst die Art, wie wir von anderen wahrgenommen werden.

Als ich gerade begonnen hatte, diesen Text zu schreiben, bekam ich eine E-Mail von der Programmbetreuerin eines Verlages, in dem einige meiner Bücher erschienen sind. Es ging darum, dass ich die Druckfahne eines Werkes noch durchsehen und freigeben soll, bevor es in Druck geht – und dass das Ganze aus mehreren Gründen terminlich ziemlich eng wird. In der E-Mail las ich folgenden Satz:

„Da wir Ende nächster Woche tatsächlich in Druck gehen müssen, muss ich Sie auch bitten, die Durchsicht bis Mitte nächster Woche zu machen.“

Was würde Frau Scheurl-Defersdorf wohl dazu sagen?

Ich habe der Programmbetreuerin geantwortet, dass ich das bis Mittwochmittag schon hinbekomme und sie sich deswegen keine Sorgen machen solle. Deswegen werde ich jetzt aufhören zu schreiben – ich habe noch eine Druckfahne durchzusehen …

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