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Rezension – Die schreckliche deutsche Sprache von Mark Twain

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Ein Buch, das den Titel Die schreckliche deutsche Sprache trägt – das musste ich einfach lesen. Noch dazu, wo es von Mark Twain ist, dem Meister des lakonischen Witzes. Um es vorwegzunehmen: Ich empfehle es gerne weiter!

Was hat Mark Twain sich dabei gedacht?

Erschienen ist das Büchlein (in der zweisprachigen Fassung, die ich gelesen habe, umfasst es gerade einmal 95 Seiten) erstmals im Jahr 1880, und zwar als Anhang des Reisebuchs A Tramp Abroad. Passenderweise trugt dieser Anhang den Titel Appendix D. In meinem hübsch aufgemachten Büchlein steht auf der linken Seite jeweils der englische Originaltext, rechts die deutsche Übersetzung. Beide lesen sich sehr vergnüglich.

Zwar sind manche der von Twain angeführten Beispiele naturgemäß leicht veraltet, aber insgesamt sind seine Feststellung über die schreckliche deutsche Sprache so scharfsinnig wie zutreffend. Tatsächlich ist Deutsch eine komplexe Sprache, die sich keineswegs leicht lernen lässt. Oder, um es mit den Worten des Autors in seiner Muttersprache zu sagen:

A person who has not studied German can form no idea of what a perplexing language it is.

Trotzdem unternimmt er auf den folgenden Seiten den Versuch, die verwirrenden Aspekte des Deutschen zu schildern.

Was macht Deutsch zu einer so schrecklichen Sprache?

Um es kurz zu machen:

Es gibt zehn Wortarten, und jede von ihnen macht Schwierigkeiten.

Besonders das Aneinanderfügen einzelner Wörter „ohne Gelenke oder Naht“ (gemeint ist: ohne Bindestriche) macht dem englischen Schüler Schwierigkeiten. Ich persönlich finde es ja wunderbar, dass wir Deutschen problemlos aus praktisch jeder Wortart zusammmengesetzte Substantive bauen können, aber ich verstehe, dass es für einen Neuling in dieser Kunst gar nicht so einfach ist. Ich sage nur: Donaudampfschifffahrtskapitänsmützenbommel!

Mark Twain sagt dazu:

Manche deutschen Wörter sind so lang, dass sie über einen eigenen Fluchtpunkt verfügen.

Dazu führt er so hübsche Beispiele wie Dilettantenaufdringlichkeiten oder Waffenstillstandsverhandlungen an. Das sind zwar Wörter, die in unserem Wortschatz nicht mehr so häufig auftauchen, aber ich verstehe, was er meint.

Wortreich beklagt der Reisende auch die „Parenthesenseuche“ im Deutschen (was hat der Mann nur gegen Klammern, die sind doch so praktisch?) sowie die Eigenart, das Verb am Schluss eines Satzes zu platzieren.

In deutschen Zeitungen verstecken sie ihr Verb oft erst auf der nächsten Seite.

Naja, das ist vielleicht eine klitzekleine Übertreibung. Aber es ist noch gar nichts gegen die Einschätzung anderer Grammatikeigenarten.

Personalpronomen und Adjektive sind in dieser Sprache ein unerschöpfliches Ärgernis, und man hätte besser daran getan, sie wegzulassen.

Gut, es stimmt natürlich, dass unser sie im Englischen sowohl you, she, her, it, they oder them heißen kann. Je nach Fall eben. Und die Sache mit dem Deklinieren der Adjektive ist möglicherweise tatsächlich etwas komplex. Aber aus der Deklination von my good friend/mein guter Freund/meines guten Freundes/meinem guten Freund usw. Folgendes zu schließen, geht doch etwas weit:

Besser man hat in Deutschland überhaupt keine Freunde, als all diese Scherereien mit ihnen.

Dann ist da noch die Sache mit den Artikeln und dem Geschlecht.

Jedes Substantiv hat ein Geschlecht, und die Zuweisung erfolgt ohne Sinn und System. (…) Im Deutschen hat eine junge Dame kein Geschlecht, eine Weiße Rübe hingegen schon.

Hm, warum heißt es eigentlich das Mädchen, aber die Rübe? Der Tisch, aber das Bett? Egal, das muss man halt einfach mitlernen.

Immerhin hat die schreckliche deutsche Sprache auch positive Aspekte

Es sind zwar nur zwei Vorzüge, die Mark Twain ihr zugesteht, aber immerhin:

Im Deutschen beginnen alle Substantive mit einem Großbuchstaben. Das ist auf jeden Fall eine gute Idee; und in dieser Sprache ist eine gute Idee, ihrer Seltenheit wegen, zwangsläufig bemerkenswert.

Der zweite Pluspunkt ist, dass man deutsche Wörter schreibt, wie man sie spricht (und umgekehrt). Ja, genau! Und das ist ein großer Vorzug gegenüber dem Englischen, wo bestimmte Buchstabenkombinationen – nehmen wir nur ow oder ou  – in zahlreichen Klangvarianten interpretiert werden können. Da kann man im Englischen nur raten, wo wir im Deutschen Klarheit haben.

Das Deutsche muss reformiert werden!

Das findet jedenfalls der Autor. Er macht dazu auch mehrere konkrete Vorschläge. Vermutlich freut er sich posthum darüber, dass einige davon im heutigen Sprachgebrauch schon ziemlich häufig umgesetzt werden.

Konkret rät er, auf den Dativ zu verzichten, weil eh kein Mensch wisse, wann er sich in diesem befinde (war da nicht was, Herr Sick?), das Verb im Satz weiter nach vorn zu rücken und ein paar Kraftausdrücke aus dem Englischen einzuführen. Ich glaube, was diese drei Punkte angeht, sind wir kollektiv auf einem guten Weg.

Außerdem solle man die

Geschlechter neu ordnen und sie dem Willen des Schöpfers entsprechend verteilen.

Ha, und das schreibt jemand, aus dessen Muttersprache Wörter wie Blog oder Laptop stammen, die uns regelmäßig vor die Geschlechterfrage stellen! (Dazu haben wir uns in einem eigenen Post zu der oder das Laptop schon einmal Gedanken gemacht.)

Was sollten wir noch reformieren? Ach ja: Diese endlos langen Komposita abschaffen, kein haben sind gewesen gehabt an Sätze anhängen und die Parenthesen abschaffen. Wobei ich mich wirklich frage, warum er den Nutzen der Klammern und auch der teilbaren Verben gar so negativ einschätzt, wo er mit etwas mehr Offenheit diesen Elementen gegenüber doch einen gesteigerten Lesegenuss gehabt haben könnte … ach, lassen wir das.

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