gendergerechte Geschlechtersymbole

Die Grenzen des Genderns

| Keine Kommentare

Eine „gendergerechte“ oder „gendersensible“ Sprache wird heute von vielen Institutionen benutzt bzw. zur Benutzung vorgeschrieben. Das führt aber zu teilweise schwer lesbaren und teilweise ziemlich albernen Texten. Wie kann hier die Gratwanderung zwischen Gendersensibilität und den sprachlichen Grenzen des Genderns gelingen?

Was heißt eigentlich gendern?

Das das grammatikalische Geschlecht heißt in der Linguistik lateinisch Genus oder englisch gender. Im Deutschen gibt es drei grammatikalische Geschlechter, nämlich weiblich, männlich und sächlich: der Mann, die Frau, das Kind.

Das wäre weiter kein Problem, wenn sich nicht seit den 60er-Jahren die Erkenntnis durchgesetzt hätte, dass es in der Gesellschaft neben dem biologischen Geschlecht (im Wesentlichen männlich und weiblich) auch Geschlechtervorstellungen und Rollenzuschreibungen gibt, die nicht biologisch bedingt sind, sondern sozial. So herrscht beispielsweise nach wie vor die Vorstellung vor, Frauen seien „von Natur aus“ fürsorglich und sanftmütig, Männer dagegen stark und mutig. Deswegen sei es die natürliche Rolle der Frau, sich um Familie und Haushalt zu kümmern und die des Mannes, Geld zu verdienen. Biologisch ist das Quatsch.

So hat sich die Bezeichnung gender für das soziale Geschlecht im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (engl. sex) etabliert.

Nun gibt es im Deutschen viele Substantive, die aus einem Verb mit der Endung -er gebildet werden. Wer etwas unternimmt, indem er ein Unternehmen gründet, ist ein Unternehmer, wer dort arbeitet, ein Arbeiter; wer herrscht, ist ein Herrscher, wer dient, ein Diener. Das bedeutet nicht, dass es sich bei diesen Menschen ausschließlich um Männer handelt, es können auch weibliche Herrscher und Unternehmer sein. Die Frauen sind hier „mitgemeint“, linguistisch also unmarkiert.

Dann gibt es noch die Fremdwörter, die es zunächst nur als männliche Form gab: der Student, der Ingenieur, der Präsident. Das hat wohl historische Gründe, denn früher gab es (wegen der sozialen Geschlechterzuschreibungen) ja tatsächlich nur Männer in diesen Berufen. Das gilt übrigens auch für den Sekretär. Als Frauen nach und nach diese Domänen eroberten, blieben die Wörter aber grammatikalisch (zunächst) männlich.

Genau dagegen richtet sich die gendergerechte Sprache: Frauen sollen auch sprachlich sichtbar gemacht und damit auf dieselbe soziale Ebene wie Männer gestellt werden. Das ist ein durchaus begrüßenswertes Anliegen.

Meistens ist das Gendern ganz einfach

Klar: Schreibe ich Tipps für den Chef, den Unternehmer und den Freiberufler, erwecke ich den Eindruck, dass ich mich nur oder zumindest vorwiegend an Männer wende. Das lässt sich aber ganz einfach vermeiden, indem ich ausdrücklich beide Geschlechter anspreche,

Liebe Leserin, lieber Leser,

und ansonsten bei Beispielen, Fallstudien und Ähnlichem zwischen der männlichen und der weiblichen Form abwechsle. Es gibt ja auf der grammatikalischen, sozialen und biologischen Ebene auch die Chefin, die Unternehmerin und die Freiberuflerin, ebenso wie den Sekretär und den Assistenten.

Ich betreue als Redakteurin einen Newsletter zum Thema Abrechnung in Arztpraxen. Wenn ich dort Beispiele bringe, sind immer abwechselnd der Arzt und die Ärztin, der Patient und die Patientin dran. Die medizinische Fachangestellte, kurz MFA genannt, ist in diesem Newsletter allerdings immer weiblich. Das hängt damit zusammen, dass die Männerquote in diesem Beruf so verschwindend klein ist, dass die wenigen Männer sich hier mitgemeint fühlen dürfen.

Alle Ärztinnen, Ärzte und MFAs zusammen sind das Praxisteam. Das ist grammatikalisch sächlich, womit Frauen und Männer gleichermaßen „unmarkiert“ enthalten sind.

Soweit, so einfach.

Wann sind die Grenzen des Genderns erreicht?

Bauarbeiter im Abendrot

Wie bei vielen im Grunde berechtigten Anliegen ist die gendergerechte Sprache inzwischen aber über ihr Ziel hinausgeschossen, indem sie krampfhaft versucht, jegliche Bezeichnung für Menschen irgendwie geschlechtsneutral hinzubiegen. Das ergibt umständliche, schwer lesbare und blutleere Formulierungen.

So lese ich im „Leitfaden gendergerechte Sprache“ einer deutschen Hochschule, man solle das Wort

Studentenvertreter

ersetzen durch die Formulierung:

Vertretung der Studierendenschaft

Im Genderwörterbuch Geschickt Gendern wird das Abteilungsleitertreffen durch das Treffen der Abteilungsleitungen ersetzt. Für die Anhänger einer Bewegung wird der Ersatz sich einer Bewegung Zuordnende vorgeschlagen und der Bauarbeiter wird zum Bauarbeiten ausführenden Fachpersonal.

Das ist keine gendersensible Sprache mehr, sondern alberne Genderei.

Außerdem führen diese substantivierten Partizipien sprachlich in die Irre:

Ein Student ist nicht in jedem Moment seines Lebens ein Studierender. Umgekehrt kann ich eine Studierende sein, wenn ich beispielsweise gerade den Fahrplan an der Bushaltestelle studiere. Studentin bin ich deswegen aber trotzdem schon lange nicht mehr.

Ich wende mich hier an meine Leserinnen und Leser. Solange Sie dies lesen, sind Sie auch Lesende, gleich aber nicht mehr: Für heute beende ich nämlich meine Überlegungen zu den Grenzen des Genderns.

Was denken Sie über dieses Thema? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

Grenzen des Genderns - manchmal ist gendergerechte Sprache einfach Blödsinn

Weitere Überlegungen und Tipps zum Thema Behördensprache finden Sie auf unserer Übersichtsseite Best of Behördendeutsch.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.