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Behördendeutsch in verständliche Sprache übersetzen: Teil 3 – Passivkonstruktionen

Das typische Behördendeutsch glänzt neben anderen sprachlichen Unarten mit dem überreichlichen Einsatz von Passivkonstruktionen. Wieso das eine Unart ist? Sehen wir uns dazu erst einmal an, was das Passiv ausdrückt und wann es angebracht ist.

Mehr über das Passiv

Das Passiv wird in der Sprachwissenschaft als „Leideform“ bezeichnet, weil es ausdrückt, dass etwas mit jemandem (oder etwas) geschieht.

„Gestern wurde ich von einem heftigen Regenschauer überrascht.“

Das Ergebnis dieses so genannten Vorgangspassivs (vom Schauer überrascht werden) kann ein Zustandspassiv sein:

„Da ich keinen Schirm dabei hatte, war ich nass bis auf die Haut, als ich heimkam.“

Ja, da gab es etwas zu erleiden.

Passivkonstruktionen haben durchaus ihre Berechtigung

Das Passiv ist sprachlich überall da berechtigt, wo

  • das Erleiden/Geschehen im Vordergrund stehen soll
  • jemand keine aktive Rolle spielte bzw.
  • es nicht darauf ankommt oder nicht bekannt ist, wer genau der aktive Teil an der Sache war.

Beispiel: „Wir sind Opfer einer Hackerattacke geworden – unsere Kundendaten wurden gestohlen.“ Das wirkt außerdem neutraler und objektiver als beispielsweise die Aussage: „Irgendwelche kriminellen Hacker haben unsere Kundendaten gestohlen!“

Warum Passivkonstruktionen typisch für das Behördendeutsch sind und den Leser stören

Das Passiv wird gerne da eingesetzt, wo der Absender sich als ausführendes Organ, nicht aber als Entscheider sieht. Oder schlicht da, wo der eigene Beitrag zum Geschehen verschleiert werden soll.

Beispiel:

„Der Termin kann leider aufgrund unvorhergesehener Lieferverzögerungen nicht eingehalten werden.“

Das bedeutet tatsächlich:

Wir können den Termin leider nicht einhalten, weil …“

Gut, in diesem konkreten Beispiel kann der Schreibende hoffen, der Kunde möge sich über die unvorhergesehenen Lieferverzögerungen ärgern und nicht über ihn. Vielleicht aber merkt der Kunde auch, dass sich hier jemand aus der Verantwortung stiehlt und ärgert sich erst recht.

Und es gibt noch ein dickes ABER: Ein Text, der viele Passivkonstruktionen enthält, ist schwer lesbar und wird schnell langweilig. Passivkonstruktionen treten außerdem häufig in Verbindung mit dem Nominalstil auf, was den ganzen Text noch schwerfälliger und unverständlicher macht.

Das können Sie ganz einfach vermeiden, wenn Sie bevorzugt das Aktiv und gegebenenfalls die Sie-Ansprache verwenden. Statt etwa:

„Die Ware wurde heute zum Versand bereitgestellt.“

schreiben Sie:

„Wir haben die Ware heute versandfertig gemacht.

Und statt:

„Die Richtigkeit der Angaben muss bestätigt werden.“

formulieren Sie aktiv:

„Bitte bestätigen Sie die Richtigkeit der Angaben.“

Vergleichen Sie selbst, wie viel besser verständlich dieser Text ist, wenn er aktiv formuliert wird:

Passivstil

Weitere Überlegungen und Tipps zum Thema Behördensprache finden Sie auf unserer Übersichtsseite Best of Behördendeutsch.

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